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07.02.2008

"Ich will so leben wie alle anderen auch"

Mitleid ärgert Verena am meisten. Sie sitzt im Rollstuhl. Das ist eine Behinderung, aber doch kein Grund, sich aus dem üblichen Alltag Gleichaltriger zu verabschieden, findet die 18-Jährige.



von Sandra Semmelmayr aus Passauer Neue Nachrichten

Verena ist eine auffallend hübsche junge Frau. Große, dunkle Augen, blitzend weiße Zähne, das Haar trägt sie offen, eine richtig wilde Mähne. Wie alle Mädchen ihres Alters hat auch sie ein Faible für hohe Absätze und tiefe Ausschnitte. Dennoch ist sie anders - Verena sitzt im Rollstuhl. Seit ihrem sechsten Lebensjahr. Die 18-jährige Passauerin leidet seit ihrer Geburt an spinaler Muskelatrophie, einer Erkrankung der Nervenzellen, die für die willkürlichen Bewegungen der Muskulatur wie das Laufen zuständig sind. Es ist eine relativ seltene Erkrankung, ungefähr eines von 6000 Neugeborenen ist betroffen. Als kleines Mädchen konnte sie noch laufen, ab der ersten Klasse war Verena auf den Rollstuhl angewiesen. "Weil ich damals noch keinen elektrischen Rollstuhl hatte, war es für meine Eltern einfacher, mich im Buggy zu schieben. Eines Tages kam ein Junge auf mich zu und sagte: ,Riesenbaby', das war hart", erinnert sie sich. Heute kann Verena darüber lachen, zum Glück blieben ihr weitere dumme Sprüche erspart.

Doch Blicke können manchmal mehr wehtun als Bemerkungen. "Die mitleidigen Gesichter der Leute nach dem Motto ,mei, das arme Mädel' bringen mich auf die Palme, da werde ich richtig zornig. In der Stadt ist es schon schlimm, aber im Hallenbad starrt mich oft eine ganze Reihe von Leuten an, da hilft es auch nichts, wenn ich ganz finster zurückschaue. In solchen Situationen könnte ich laut schreien." Wie sehr ihr das zu Herzen geht, merkt man schon beim Erzählen, an der Arte wie Verena ihre Finger in einander krallt.

Verenas Mama Gabriele ist es oft peinlich, wenn ihre Tochter so zornig wird, weil sie alle anstarren. Andererseits mischt sich in das Gefühl der Verlegenheit auch ein bisschen Stolz: "Ich habe sie von klein auf so erzogen, dass sie selbstbewusst ihr Leben meistert und sich nicht unterkriegen lässt." Dennoch gleicht der Besuch im Bad immer aufs Neue einem Spießrutenlauf. Zweimal pro Woche sind Verena und ihre Mama dort. Im Wasser fühlt sich die junge Frau wohl, denn da kann sie sich ganz ohne fremde Hilfe bewegen. Anschließend geht's noch für ein paar Minuten ins Solarium. Dass sie viel Wert auf ein gepflegtes Erscheinungsbild legt, gibt die junge Frau unumwunden zu. "Das hört sich vielleicht manchmal etwas oberflächlich an, aber ich will nicht anders sein als meine Freundinnen oder andere junge Frauen in meinem Alter, nur weil ich im Rollstuhl sitze. Ich will so leben wie alle anderen auch." Und dazu gehören nun mal Piercings, hohe Absätze und tief dekolletierte, enge Shirts. Ebenso wie Besuche in Bars und Diskotheken. Auch wenn sie häufig auf die Hilfe ihrer Eltern angewiesen ist und auch noch zu Hause wohnt, so führt Verena dennoch - so weit wie möglich - ein eigenständiges Leben: Häufig fährt die 18-Jährige in ihrem elektrischen Rollstuhl alleine in die Stadt, trifft sich mit Freundinnen zum Einkaufen, geht in Cafés, Bars und Diskotheken. Die Türsteher kennen sie mittlerweile alle, Probleme gibt es so gut wie nie. Nur einmal verwehrte man ihr den Zutritt, angeblich aus Sicherheitsgründen, falls ein Betrunkener über sie fallen würde. Da hat sie sich gleich den Besitzer geschnappt und ihn zur Rede gestellt. "Aber der wiegelte ab, und obwohl ich gehört habe, dass jetzt manchmal Rollstuhlfahrer in der Bar sind, würde ich dem nie mehr einen Cent reintragen", ist Verena noch heute entrüstet. Dass die junge Frau so viel nachts unterwegs ist, sorgt für häufigen Diskussionsstoff zwischen Mutter und Tochter - gelinde ausgedrückt. Für die Mutter ist der Gedanke, dass ihrer Tochter etwas zustoßen könnte unerträglich. Als Verena mit zwölf Jahren während eines Klinikaufenthalts, bei dem sie sich einer Wirbelsäulenversteifung unterziehen musste, beinahe an einer Infektion starb, hat die Mutter ständig Angst um ihr Kind. "Ich war damals so unendlich verzweifelt, dass ich wohl jetzt immer ein bisschen überreagiere", gibt sie zu.

Verena wäre es lieber, ihre Eltern würden sie mehr ziehen lassen. "Ich möchte so gerne raus, auch aus Passau, am liebsten in eine Großstadt, möchte andere Kulturen kennen lernen. Besonders der arabische Kulturraum fasziniert mich." Das zeigt sich auch in Verenas Zimmer: Ihr Bett hat sie mit einem durchsichtigen lila Baldachin dekoriert, die Tagesdecke auf der Couch schimmert in orange-roten Goldtönen, an den Wänden hängen orientalisch anmutende Bilder. Selbst das Körbchen ihres Chihuahuas Enrico ist mit einer orientalisch gemusterten Decke ausstaffiert.

Seit einer Reise nach Dubai, die ihr die Eltern zum 18. Geburtstag schenkten, ist Verenas Fernweh noch gewachsen. "Die Reise mit meinem Vater und meiner Mutter war einfach traumhaft. Hier habe ich gemerkt, dass ich noch viel mehr von der Welt sehen möchte, aber zuerst einmal kümmere ich mich um meine Ausbildung", erzählt die 18-Jährige. Nach der Mittleren Reife an der Passauer Realschule begann sie mit ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau, die sie mittels eines Fernstudiums am Computer absolviert. Im Mai wird sie fertig; bereits jetzt sucht sie eine Stelle in einem Büro.

Energie hat sie genug. Und einen Traum: "Ich möchte unbedingt noch Psychologie studieren. Deshalb werde ich nach meiner Ausbildung an einer Abendschule das Abitur nachmachen und mich anschließend um einen Studienplatz in Regensburg bemühen." Damit könnte sich die junge Frau gleichzeitig einen anderen Lebenstraum verwirklichen: selbständig leben, in einer eigenen Wohnung. Mit ihrer Behinderung hat sich die 18-Jährige abgefunden, aber sie denkt nicht daran, sich von ihr mehr als ohnehin nötig einschränken zu lassen. "Viele Leute denken, ich würde alles dafür geben, aus meinem Rollstuhl raus zu können, aber ich rebelliere gegen meine Erkrankung nicht. Ich versuche lieber, das Beste aus der Realität zu machen", sagt sie sehr bestimmt. Dazu gehört auch, dass Verena gerne den Führerschein machen will. Woran es wahrscheinlich hapern wird, ist ein eigenes Auto, weil die Kosten für einen Umbau zu hoch werden. "Das Autofahren würde mir wieder ein Stück mehr Mobilität ermöglichen", überlegt sie.

Denn immer wieder vor unüberwindbaren Barrieren zu stehen und alleine nicht weiter zu können, macht sie manchmal rasend. "Das fängt schon in Passau beim Busfahren an. Leider gibt es nur zwei Busse, die behindertengerecht sind. Wie Mama Gabriele berichtet, betonen die Stadtwerke Passau zwar immer wieder, dass sie nach vorheriger Absprache die behindertengerechten Busse auf der jeweils benötigten Strecke einsetzen, aber für spontane Stadtbesuche ist diese Lösung unbefriedigend.

Auch beim Thema Männer hat die hübsche Passauerin klare Vorstellungen. "Ich habe hohe Ansprüche. Ein Mann, der mir gefällt, muss schon das gewisse Etwas haben", lächelt sie verschmitzt. Auf keinen Fall aber darf er behindert sein. "Ich habe mit anderen Behinderten nicht so viel am Hut, deshalb möchte ich auch nicht in eine Behinderten-WG ziehen, auch wenn es mit Sicherheit von der Betreuung her leichter wäre", gesteht sie.

"Eigentlich ist es ganz einfach mit mir", fasst Verena am Ende des Gesprächs zusammen: "Keiner soll mich behandeln wie eine Behinderte, jeder soll normal mit mir umgehen und mich nicht anstarren. Ich bin genau wie alle anderen. Und wenn ich Hilfe brauche, melde ich mich."

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