07.02.2008
"Macht hoch die Tür" darf dieser Pfarrer nicht singen
Der tägliche Weg zu seinem Büro führt den Gefängnisseelsorger Wolfgang Fischer zuerst durch die Sicherheitsschleuse der Nürnberger Justizvollzugsanstalt.
von Corinna Waltz
Dort holt der 62 Jährige seinen großen Schlüsselbund ab und macht sich auf den Weg über den Hof, vorbei an der hohen Außenmauer, dem inneren Sicherheitszaun. Jede Tür muss er mit einem seiner vielen Schlüssel aufsperren und hinter sich wieder zuschließen. Er hat auch sonst noch viele Regeln und Vorschriften zu beachten. So darf er beispielsweise kein Handy mit hineinnehmen. Denn falls dieses in die Hände eines Gefangenen der U-Haft fallen würde, wäre dessen ganzer Prozess gefährdet. Auf seinem Weg holt er in der Poststelle seine Post und die Rapportscheine der Gefangenen ab. Mit diesen Scheinen können ihn die Gefangenen um ein Gespräch, einen Besuch, einfach ein offenes Ohr für ihre Fragen, Sorgen und Probleme bitten. Nicht nur auf Anfrage kommt Wolfgang Fischer zu den Gefangenen. Wenn er das Gefühl hat es sei nötig, schaut er auch ohne Rapportschein bei ihnen vorbei. Nach seiner eigenen Aussage sehen sie in ihm so etwas wie die "personifizierte Kirche".
Viele Gefangene suchen den Kontakt des Gefängnisseelsorgers, weil sie einfach reden wollen. Wo sonst können sie reden? Wem können sie vertrauen? In den Gesprächen kommen viele Klagen. Meist sehen sich die Gefangenen als Opfer der Justiz, fühlen sich ungerecht behandelt. Wolfgang Fischer hört ihnen stets aufmerksam zu, doch er bedauert sie nicht. Dann - ist er sich sicher - wäre er ihnen keine Hilfe. Er möchte den Gefangenen helfen, "den Blick über den Tellerrand des Lebens zu heben". Er möchte mit ihnen - wie er es selbst nennt - "Gottes Spuren in ihrem Leben entdecken". Seine Arbeit fordert von ihm selbst auch solch einen Blick über den Tellerrand des Lebens und das Bewusstsein, dass Gottes Spuren sich durch sein eigenes Leben ziehen. Dieses Bewusstsein und Supervisionsgespräche lassen ihn besonders schwere Gespräche verdauen. Die Probleme und Nöte, die ihm täglich begegnen lassen sich nicht, wie der Schlüsselbund am Ende eines Arbeitstages am Tor abgeben. "Das Gefängnis macht etwas mit einem Menschen", auch mit einem Gefängnisseelsorger. Dennoch hat er sich vor zwölf Jahren entschieden diesen Schritt in den Dienst als Gefängnisseelsorger zu wagen. Er sieht es als Gebot der Nächstenliebe an, Menschen im Gefängnis zu besuchen und zu betreuen. Nach 16 Jahren Jugendarbeit, 13 Jahren als Dozent an der Diakonenschule in Rummelsberg und einer berufsbegleitenden Ausbildung zum Gefängnisseelsorger in Bethel hat er seinen Dienst in der Nürnberger JVA angetreten.
In seinen zwölf Jahren als Gefängnisseelsorger hat er auch schon heikle Situationen miterlebt. Doch Angst verspürt er keine. Er sagt selbst: "Ich könnte den Dienst nicht tun, wenn ich Angst hätte." Er hat Einblick in die Akten der Gefangenen und kennt ihre Straftaten. Diebstahl, Betrug, Sexualstraftaten, Mord, alles ist vertreten. Bei besonders schweren Fällen, lässt er schon mal einen Beamten in der Nähe postieren, doch meist besucht er die Gefangenen alleine in ihrer Zelle.
Zu seinen Aufgaben gehören nicht nur die Einzelgespräche mit Gefangenen. Jeden Sonntag hält er drei Gottesdienste, einen für die Männeranstalt, einen für die Frauenanstalt und einen für die U-Haft. Jede der drei Besuchergruppen steht in einer anderen Situation, hat andere Fragen und Probleme, die sie beschäftigen und die es zu berücksichtigen gilt. Die Gefangenen in der Männer- und Frauenanstalt kennen ihre Haftzeit, sitzen vielleicht schon einige Monate. Diejenigen, die sich in U-Haft befinden wissen noch nicht, wie ihr Verfahren ausgehen wird. Wo sie den nächsten Tag, die nächste Woche verbringen werden. Gottesdienste hinter Gittern bedürfen besonderer Sorgfalt in der Vorbereitung. Jedes Wort der Predigt muss mit Bedacht gewählt werden. Adventslieder wie "Macht hoch die Tür die Tor macht weit…" sind hinter Gittern undenkbar. Türen und Schlüssel haben hier ihren eigenen Symbolcharakter. Wolfgang Fischer versucht auch Gefangene in den Gottesdienst einzubinden, sie übernehmen zum Beispiel Lesungen und Gebete. Die Koordination ist zwar nicht einfach, aber es braucht aktive Mitglieder um ein Gefühl von Gemeinde und Gemeinschaft zu vermitteln. Die Frage, ob man hier überhaupt von einer Gemeinde sprechen kann ist schwierig. Die Fluktuation ist groß, täglich wechseln die Inhaftierten aufgrund von Entlassung, Verlegung, Neuzugängen, o.ä. Dennoch versuchen Wolfgang Fischer und seine Kollegen durch zusätzliche Angebote eine Form von Gemeinde zu bauen. Neben Einzelgesprächen und Gottesdiensten finden regelmäßig Gruppengespräche statt, die Raum für Diskussionen und Austausch bieten. "Es ist schon nicht einfach hier; da tut die Gruppe gut.", meinte ein Gefangener.
An der Betreuung der Gefangenen beteiligen sich auch ehrenamtliche Mitarbeiter. Sie besuchen die Inhaftierten regelmäßig, begleiten sie während ihrer Haftzeit und versuchen auch bei Wohnungs- und Jobsuche nach der Entlassung zu helfen. Als Gefängnisseelsorger hat Wolfgang Fischer sowohl für die Gefangenen, als auch für die Mitarbeiter stets ein offenes Ohr. Jeder innerhalb der Gefängnismauern kennt den "Herrn Pfarrer".
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