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MITTEN IM LEBEN
07.02.2008

Die kleine Birka wird geliebt

Birka tobt mit wildem Geschrei durch die Wohnung. Sie will nicht aufs Foto. Schüchtern ist die Kleine mit den kecken blonden Zöpfchen und den blauen, schräg stehenden Augen nicht, im Gegenteil.


Von BRIGITTE SOMMER

Doch sie will nicht vor, sondern hinter der Kamera stehen und selbst fotografieren. Ihr liebstes Motiv: Mama! Die quirlige eineinhalbjährige ist ein Wunschkind mit einer Besonderheit. Sie hat ein Chromosom mehr als ihre Eltern. Birka sollte die Krönung der Liebe zwischen Anke (43) und Michael (46) Raumausstatter in der Requisite der Bonner Oper, sein. "Vier Jahre lang waren wir schon ein Paar. Für uns ging mit meiner Schwangerschaft noch einmal ein Traum in Erfüllung.", erzählt Anke. "Auch meine zwei Großen, Till (17) und Marian (14) freuten sich auf das Nesthäkchen." Anke arbeitet als Sozialpädagogin in einer Werkstatt für Behinderte in Königswinter. "Ich war zwar eine sogenannte Risikoschwangere, in meinem Alter tritt in zirka 100 Schwangerschaften einmal das Down-Syndrom (früher Mongoloismus) auf, doch ich glaubte fest daran: das passiert mir nicht. Außerdem hatte diese Diagnose für mich viel von ihrem Schrecken verloren, da ich täglich Umgang mit jungen Leuten mit Trisomie 21 hatte. Für mich gab es denoch keinen Zweifel daran, dass ich ein ganz gesundes Kind zur Welt bringen würde." Trotzdem ließ Anke keinen Kontrolltermin bei ihrer Frauenärztin aus. Die äußerte bei einem Ultraschalltermin einen ersten Verdacht auf Down Syndrom. Die Knochengröße wich leicht von der Norm ab und es zeichnete sich ein weißer Fleck auf dem Herzen ab. "Ich dachte, was will die Frau denn, die spinnt doch", erinnert sich Anke. Die Ärztin wollte, das Anke eine Fruchtwasseruntersuchung machen ließ. "Abtreibung kam von Anfang an nicht in Frage. Warum sollte ich also eine Fruchtwasseruntersuchung, die Risiken für das Kind mit sich bringt, machen lassen?" Dennoch stieg langsam Panik in Anke auf. Vor Sorge konnte sie nachts kaum noch schlafen. Auch wagte sie nicht, Michael von der Diagnose zu erzählen. "Ich hatte Angst, dass er damit nicht klar kommt." Ein Doppler-Untraschall in 3-D sollte endlich Gewissheit im fünften Monat bringen. "Als ich mit diesem Wunsch wieder vor meiner Frauenärztin stand, war sie ganz erstaunt, dass ich wieder da war und nicht abgetrieben hatte," erinnert sich Anke. Der Doppler-Untraschall erhärtete den Verdacht. Die nachfolgende Fruchtwasseruntersuchung bestätigte es: Ankes Kind hatte tatsächlich das Down-Syndrom. "Für mich brach eine Welt zusammen. Zwei Stunden lang habe ich in der Praxis der Ärztin nur geheult. Die Arztin machte mir den Vorschlag, es abzutreiben. Mir war nicht klar, wie das funktionieren sollte, schließlich war ich schon lange über die Fristengrenze hinaus. Sie erklärte mir, dass das Kind im Bauch mit einer Spritze getötet werden würde und ich es auf "normalem" Weg zur Welt bringen müsse. Ich fiel ihr ins Wort, über solche Praktiken wollte ich nicht weiter nachdenken. Seit diesem Gespräch hat sie mich bis zur Geburt voll unterstützt." Voller Zukunftsangst erwartete Anke abends ihren Freund zu Hause. "Findest Du es richtig, dass ich die Schwangerschaft fortsetzen will?, fragte Anke ängstlich. "Das ist schon in Ordnung, das Baby kann ja nichts dafür", kam prompt die Antwort. Etwas zu prompt und zu schnell. Fünf Minuten später musste Michael angeblich zu einem dringenden Termin und "wurde bis zum Ende der Schangerschaft nicht mehr gesehen." Entsetzt stellt Anke fest, dass sich nicht nur die Befürchtungen über die Diagnose bewahrheitet hatten, ihr Freund verließ sie eiskalt, gerade dann, als sie ihn am meisten brauchte. Schwierig war die neue Situation auch für Till und Marian. Ratlos sahen sie zu, wie ihre Mutter wochenlang nur noch weinte. Anke: "Die zwei sackten in der Schule ab, doch ich konnte nicht helfen, zu tief war meine Trauer um mein Kind, das jetzt nicht gesund zur Welt kommen würde. Wie sollte ich nur alleine unseren Lebensunterhalt bestreiten?" Ein erster Lichtblick war Ankes Chef in der Werkstatt. Er sicherte ihr zu, dass sie halbtags arbeiten und sich die Zeit selbst einteilen kann. "Das gab mir neue Kraft für die Geburt, die sehr leicht und schön war." Am 23. Juli kam Birka nach nur drei Stunden Wehen auf die Welt. "Sie sah aus wie ein kleiner Buddha", sagt Anke lächelnd. "50 Zentimeter groß und 3 410 Gramm schwer. Schwarze lange Haare umrahmten ihr süßes Gesichtchen." Dieser Anblick gab Anke neue Hoffnung. Einige Wochen später der nächste Schock: Birka war schwer herzkrank, hatte einen sogenannten "kompletten AV-Kanal". In einer komplizierten Operation im Kinderherzzentrum St. Augustin retteten die Ärzte Birka das Leben. Und Birka kämpfe weiter. Nach nur 16 Tagen konnte sie als "gesund" entlassen werden. "Heute muss sie nur noch einmal im Jahr zur Kontrolle," freut sich Anke. Seither hat ihr die Kleine nur Freude bereitet. "Ich bin sehr glücklich mit ihr, denn sie ist ein sehr liebenswertes Kind. Mein Lebensgefühl ist ähnlich dem, als meine zwei Großen klein waren, nur daß ich jetzt deutlich älter bin. Birka ist in ihrer Entwicklung verzögert, aber ich schaue mehr darauf, was sie kann. Sie kann laufen, sie kennt verschiedene Tiere, liebt Küchenarbeiten und kann ein paar Worte sagen, Mama, nein, laß los, ist das?, Katze. Wir alle sind sehr stolz auf sie, weil sie fast immer guter Dinge ist. Unter "Alle" zählt übrigens auch Birkas leiblicher Vater Michael, der sich kurz vor der Geburt wieder bei Anke gemeldet hatte. "Er kommt ein Mal in der Woche zu uns und spielt mit Birka," erzählt Anke. "Ich bin Birka zuliebe auf diesen Wunsch eingegangen. Denn seit sie ihn das erste Mal gesehen hat, freut sie sich sehr auf die Besuche." Doch auch in Ankes Leben gibt es wieder einen Mann. Der heißt ebenfalls Michael und ist ebenfalls 46 Jahre alt, doch der gelernte Maschinenbauer spürte: Anke gibt's nur mit Birka, Till und Marian. "Wir haben uns beim Chatten im Internet kennengelernt. Gleich beim ersten Treffen habe ich ihm erzählt, dass ich drei Kinder, eines davon mit Down-Syndrom, habe. Für ihn ist Birkas Behinderung kein Problem. "Schaue ich Birka in die Augen, sehe ich ein ganz "normales" Kind", sagt er. Sie hat Schwächen und Stärken wie jeder von uns. Sie ist ein liebenswerter Mensch, das alleine zählt, ganz gleich ob sie ein Chromosom mehr oder weniger hat," findet Michael. "Alles weitere wird sich schon finden."


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