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MITTEN IM LEBEN
07.02.2008

Mit einem schweren Unfall begann ihr neues Leben

Früher hätte Franziska Dinter (54) diesen Leuten  niemals die Haare geschnitten. Heute frisiert sie nur noch Obdachlose, Arme und Bedürftige  freiwillig und sogar mit viel Freude.



+ Berlin - Denn ihren schrecklichen Unfall hat sie als Prüfung Gottes verstanden und folgte dankbar seinem Wink in ihr neues Leben voller Nächstenliebe

Franziska Dinters blaue Augen kleben förmlich an den Köpfen vor sich. Langsam kürzt sie Strähne für Strähne, ohne zu sprechen oder aufzuschauen. Wenn ich mich nicht konzentriere, sehe ich alles doppelt und schneide daneben , erklärt sie später. Mein Reaktionsvermögen hat ziemlich gelitten bei meinem Unfall. Oft verschwimmt alles vor meinen Augen, die Bilder überlagern sich.  Doch fröhlich winkt sie ab: Halb so schlimm. Ich kann schließlich Menschen helfen, denen es viel schlechter geht als mir.  Dann erzählt die Frau aus Königs Wusterhausen (bei Berlin) ihre schlimme und doch Mut machende Geschichte.

Der 19. September 1998 sollte ein fröhlicher Samstag werden: Wir wollten zur Silberhochzeit eines Bekannten. Warum meine Freundin Dorothea am unbeschrankten Bahnübergang trotz blinkendem Warnkreuz weiter fuhr, habe ich bis heute nicht erfahren , erinnert sich Franziska sehr genau an die letzten Sekunden ihres alten Lebens. Ich sah den Koloss von Zug rechts neben mir, schrie fürchterlich, dann krachte es. Erst sieben Wochen später erwachte ich aus dem Koma.  Franziska Dinter kann sich nicht bewegen, nicht sprechen, wird gewindelt und liegt in einem so genannten Schaukelbett für Schwerstverletzte.

Ich hatte keine einzige ganze Rippe mehr. Leber, Lunge, Nieren, Arme, Beine und viele andere wichtige Organe waren gerissen, gequetscht oder gebrochen, mein Gehirn schwerstbeschädigt.  Acht Monate muss sie im Unfallkrankenhaus Berlin bleiben und mehrfach operiert werden. Dann sitzt sie im Rollstuhl, und kein Arzt glaubt, dass ihr Leben auch nur annähernd so normal werden könnte wie vor dem Crash. Doch Franziska macht ein Jahr nach dem Unglück plötzlich Fortschritte: Nur klitzekleine, aber jeden Tag mehr , freut sie sich noch heute. Unter höllischen Schmerzen und mit eiserner Disziplin lernt sie mit Ergotherapeuten und Logopäden alles wieder neu. Ihr Mann Raimund steht das nicht mit durch, verlässt sie erschöpft.

Also musste ich mich allein zurück ins Leben kämpfen und verteilte etwa 70 Klebezettel überall in meiner Küche , erzählt sie. Darauf standen die einfachsten Dinge des Alltags, die ich wieder lernen wollte: ich muss einkaufen, ich muss essen, ich muss mich waschen, ich muss zum Arzt  ich hätte sonst das Notwendigste vergessen.  Dass sie tatsächlich wieder laufen, sprechen, einkaufen, kochen, Fahrrad fahren und sogar Haare schneiden kann, ist ein Wunder. Nee, das war Befehl von oben , blickt sie keck in Richtung Himmel. Meine Heilung kann nur der Herr angeordnet haben. Er brauchte mich hier auf der Erde für all die gestrauchelten, hilfebedürftigen Menschen, denen ich jetzt Kraft gebe. Gottes Denkzettel war brutal, ich bin jetzt 70 Prozent invalide. Seit dem Unfall kann ich nicht mehr weinen, Brauntöne nicht voneinander unterscheiden und auch erst seit zwei Jahren wieder träumen. Aber nur so erkannte ich, dass kein Mensch als Schwächling oder verlauster Typ verachtet werden darf, so wie ich es vor meinem Unglück getan hatte.  Als sie in der Zeitung von der Tee- und Wärmestube in ihrer Heimatstadt und von der Notübernachtung der Stadtmission in Berlin liest, fährt sie einfach hin. Packt Kämme, Scheren, Spiegel und Rasierer noch aus ihrer Zeit als selbständige Friseurmeisterin aus und legt los. Mittlerweile schneidet sie ehrenamtlich an vier verschiedenen Stellen in Berlin und Königs Wusterhausen Obdachlosen und anderen Bedürftigen die Haare. Wer will oder kann, gibt ihr ein paar Cent. Davon kaufe ich Shampoo, neue Kämme oder Haarspray. Denn ordentlich aussehen hat für mich mit Menschenwürde zu tun. Die verliert man merkwürdigerweise immer zuerst, wenn man aus der normalen Bahn geworfen wird.  Nicht einmal Filz, Läuse oder Krätze auf so manchem Haupt stören sie.

Was sind schon solche Kleinigkeiten gegen die vielen traurigen Geschichten dahinter , sinniert Franziska. Da hatte ich mit meinem Schicksal noch Glück. Denn es führte mich ja auf meinen heutigen Weg.  Mit Bimsstein massiert sie deshalb regelmäßig ihre Arme. Dabei bittet sie Gott, ihre Beschwerden zu mildern, damit sie in der Lage ist, allen die Haare schneiden kann, die zu ihr kommen. Narbenschmerzen habe ich immer noch am gesamten Körper. Sommers wie winters trage ich Rollkragen, damit man die Schrammen am Hals nicht sieht. Aber ich brauche keine Medikamente mehr und werde selbst als 70prozentige Schwerbeschädigte gebraucht. Ich bin Gott von ganzem Herzen dankbar für diesen Weg. Denn erst jetzt lebe ich wirklich in seinem Sinne.



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