07.02.2008
Wie viele Menschen gibt es auf der Welt, die uns wirklich lieben?

VERS 1-Interview mit Italiens Kulturminister Prof. Rocco Buttiglione
Rom Im großen VERS 1-Interview plädiert der christdemokratische Kulturminister, der wegen seiner Haltung zu Abtreibung und Homosexualität nicht EU-Kommissar werden durfte, für die traditionelle Familie: In einem Zeitalter, in dem die Abtreibung so leicht ist, erscheint jede Frau, die Mutter werden will und das eigene Kind schützt, pflegt, ernährt und erzieht fast wie eine Heldin unserer Zeit.
Herr Minister Buttiglione, Sie wollten EU-Kommissar werden, doch Ihre Haltung zur Abtreibung und Homosexualität brachten eine Mehrheit des EU-Parlamentes dazu, Sie abzulehnen. Werden Katholiken und andere gläubige Christen im Europa von heute diskriminiert?
Buttiglione: Was wir mit Gewissheit sagen können ist, dass ein Christ wegen seines Glaubens im Europäischen Parlament diskriminiert worden ist. Das ist schon schlimm genug. Ob dies eine Regel wird, muss im Moment dahingestellt bleiben.
Die Mitgliedsstaaten der EU konnten sich nicht darauf einigen, einen Bezug auf Gott und unsere christlich-abendländische Tradition in die europäische Verfassung aufzunehmen. Inzwischen hat die Bevölkerung einiger Staaten die Verfassung auf dem Weg einer Volksabstimmung abgelehnt. Wie geht es weiter?
ButtiglioneDas weiß ich nicht. Die christlichen Werte waren die ursprüngliche Begründung der europäischen Vision für Menschen wie Alcide De Gasperi, Konrad Adenauer und Robert Schumann. Es scheint, dass diese ursprüngliche Begründung mit der Zeit schwächer geworden ist und andere Weltanschauungen den Versuch unternommen haben, die Europäische Union auf einen dogmatischen Wert-relativismus zu begründen. Kann der Relativismus dogmatisch werden? Ja, wenn es allen Andersdenkenden untersagt wird, sich auf feste Werte zu stützen. Ergebnis war, dass die neue wertrelativistische Begründung das europäische Gefüge nicht tragen konnte, und es ist mit dem Referendum zusammengebrochen.
Sie waren ein enger Vertrauter von Papst Johannes Paul II, der den westlichen Lebensstil und den Materialismus unserer Zeit ebenso entschieden ablehnte, wie zuvor den Kommunismus. Wie sehen Sie die Entwicklung unserer freiheitlichen Gesellschaft?
Papst Johannes Paul II war davon überzeugt, dass der Wertrelativismus eine Demokratie und eine freie Gesellschaft nicht begründen kann. Wenn es keine Wahrheit gibt, dann ist die einzige verbleibende Wahrheit das Wort des Machthabers. Warum sollten die Regierenden das Volk nicht manipulieren und warum sollte die Herrschende Klasse sich nicht bestechen lassen, wenn es keine Wahrheit gibt. Am Ende fällt die Demokratie der Korruption zum Opfer und der Aufmarsch nach der einen, oder der anderen Form des Autoritarismus oder Totalitarismus beginnt.
Viele Menschen in Europa und USA haben heute Probleme mit dem Glauben und der katholischen Lehre. Haben Sie Verständnis für nicht-verheiratete Frauen, die ihre Kinder bewusst allein erziehen wollen; für Geschiedene, die dennoch die heilige Kommunion empfangen möchten; für Menschen, die ihr eigenes Leben nach ihren Vorstellungen leben möchten?
In einem Zeitalter, in dem die Ab-treibung so leicht ist, erscheint jede Frau, die Mutter werden will und das eigene Kind schützt, pflegt, ernährt und erzieht fast wie eine Heldin unserer Zeit. Ich behaupte nicht, dass alleinerziehende Mütter schlechte Mütter werden müssen. Ein Kind braucht jedoch einen Vater ebenso sehr wie eine Mutter.
Was die Geschiedenen betrifft: Das Herz der Menschen kennt nur Gott, und nur er weiß, wie viel Schuld jeder Mensch auf sich lädt. Wenn die Geschiedenen die heilige Kommunion nicht empfangen dürfen, bleibt die Kirche für sie trotzdem eine liebende Mutter, die mit ihnen und für sie betet.
Was die Menschen betrifft, die ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen leben möchten, dies bleibt ihnen selbstverständlich frei. Wenn sie jedoch Christus folgen wollen, wenn sie ihn wirklich lieben, dann sollten sie auch seine Gebote achten und ihm in Worten und Taten Gefolgschaft leisten.
Wie ist es mit der Homosexualität? Jesus Christus hat uns eine Religion der Liebe gelehrt. Was ist schlecht daran, wenn sich zwei Menschen gleichen Geschlechts aus vollem Herzen lieben?
Niemals kann in der Liebe etwas Schlechtes liegen, im sexuellen Verkehr jedoch schon. Die geschlechtliche Liebe hat eine natürliche Bestimmung, und zwar Mann und Frau miteinander zu einigen, damit Kinder geboren werden können. Es wäre ein Fehler diese Vorstellung allen Menschen aufbürden zu wollen, aber für die Christen gilt dies unbedingt. Dies steht ganz klar in der Heiligen Schrift und in der Tradition der Kirche. Der sexuelle Instinkt ist das größte Vermögen, das Gott uns gegeben hat, damit wir lernen durch die Liebe, die Ehe und die Zeugung von Kindern die Kommunionale Dimension unserer Liebe und die Hingabe von uns selbst, als höchstes Gesetz des Lebens anzusehen. Entziehen wir uns dieser natürlichen Bestimmung, so verlieren wir die größte Gelegenheit, das Leben als Kommunion zu verstehen.
Dies heißt natürlich nicht, dass wir den Homosexuellen gegenüber eine feindliche Einstellung haben sollten. Jeder Mensch braucht die Barmherzigkeit Gottes, die Heterosexuellen ebenso sehr wie die Homosexuellen. Wir müssen also ganz klar sagen, wozu uns diese große Gabe der Sexualität gegeben wurde, damit die Menschen sich im Leben orientieren können. Kein Mensch ist ein Homosexueller, es gibt Menschen die homosexuellen Verkehr gehabt haben, oder haben, oder haben werden, aber der Mensch ist immer größer als jede Einseitige Bestimmung. Und wenn wir auch die Homosexualität als einen Fehler betrachten, müssen wir jedoch den Homosexuellen zuerst als Menschen sehen und lieben.
Ende August fand der Weltjugendtag in Köln statt. Viele Beobachter waren geradezu verstört über die hunderttausende junge Menschen und ihren tiefen Glauben. Wie beurteilen Sie eine solche Veranstaltung? Ist das eher ein christliches Happening à la Woodstock oder der Aufbruch zu einer radikalen Umorientierung der jungen Menschen insbesondere des Westens?
ButtiglioneEs ist ein großes Zeichen der Hoffnung. Die Jugendlichen befinden sich auf einem Scheideweg, und von den Entscheidungen, die sie treffen werden, hängt die Zukunft unserer Zivilisation ab.
Der Papst sagt zu den jungen Menschen: Habt Mut! Habt Vertrauen! Folgt eurem Herzen und den tiefsten Wünschen eures Herzens, die euch helfen die wahrhaft große Liebe zu finden und zu erleben. Nur Jesus Christus hat die Kraft diese Wünsche zu verwirklichen, vertraut ihm!
Die Jugendlichen folgen diesem Ruf, weil sie den Eindruck haben, dass jener alte Herr , sie wirklich liebt. Wie viele Menschen gibt es in dieser Welt, die uns wirklich lieben? Und wenn es keine natürlichen Gründe für eine solche Liebe gibt, dann wird sogar die Hypothese, dass diese Liebe übernatürliche Wurzeln haben könnte, glaubhaft. In den sechziger Jahren gab es eine ähnliche Bewegung. Im Guten oder im Bösen hat sie die Welt um-gewandelt. Dasselbe gilt auch für diese Bewegung von heute.
Was bringt die Zukunft für Sie persönlich? Die Regierung Berlusconi, der Sie angehören, steht unter massiver Kritik. Was werden Sie tun, wenn es bei der nächsten Wahl eine Mehrheit für ein linkes Bündnis in Italien gibt?
Wenn sich herausstellt, dass die Italiener eine linke Regierung haben wollen, dann werde ich die Opposi-tion machen. Für eine Demokratie ist die Opposition ebenso wichtig wie die Regierung. In der Opposition vereinigen sich die politischen Kräfte und machen sich auf, für neue Gedanken und zukunftstragende Ideen. Wenn hingegen wir die Wahlen gewinnen, dann werde ich weiter regieren.
Wir danken Ihnen für das Gespräch, Herr Minister.
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