07.02.2008
Björn Engholm
(SPD) bekennt:
Natürlich bin
ich ein Christ

Ein Gespräch mit dem ehemaligen Spitzenpolitiker Björn Engholm
+ Einst gehörte der überzeugte Pfeifenraucher Björn Engholm zu den größten politischen Hoffnungsträgern Deutschlands. Von Mai 1988 bis Mai 1993 war er Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein. Im Mai 1991 wurde er zum SPD-Bundesvorsitzenden gewählt und im Januar 1992 zum Kanzlerkandidaten seiner Partei bestimmt.
Björn EngholmAuch von diesen Funktionen trat er im Zusammenhang mit der so genannten Barschel-Affäre zurück: Ministerpräsident Uwe Barschel hatte Engholm bespitzeln und denunzieren lassen. Björn Engholm räumte als Grund für seine Rücktritte ein, dass von Barschels Machenschaften einige Tage eher erfahren hatte, als bis dahin bekannt gewesen war.
Thomas Klaus sprach mit Björn Engholm in dessen Geburts- und Heimatstadt Lübeck über Heimat, Zukunftsängste, Entzugserscheinungen von der Macht und die Kraft des christlichen Glaubens.
VERS1: Nichts aber scheint ihm ferner zu liegen als die Politik , schrieb die Süddeutsche Zeitung 2001 über Sie. Ist das tatsächlich so? Ist Ihnen nach Ihrem Abschied vom Ministerpräsidenten-Amt 1993 endgültig die Lust daran vergangen, sich zu tagespolitischen Themen zu Wort zu melden?
ENGHOLM: Nach einem halben Jahr hatte ich die Zeit als Ministerpräsident abgehakt und mich von der Tagespolitik verabschiedet. Auch familiär haben wir uns entsprechend entschieden. Das ist letztlich eine Frage des Verstandes: Wenn der funktioniert, sagt er einem schon, dass bestimmte Dinge vorbei sind. Ein kluger Boxer erkennt rechtzeitig: Never come back . Und insbesondere einer, der schon ordentlich eines auf die Mütze bekommen hat, wird nicht ein zweites Mal gegen einen starken Gegner in den Ring steigen. Das gilt, finde ich, auch für die Politik.
VERS1: Und Entzugserscheinungen von der Politik, von dem Apparat der Macht mit seinen zahlreichen Privilegien, gab es da nicht?
ENGHOLM: Überhaupt nicht. Meine Familie und ich sind seit langer Zeit künstlerisch und kulturell interessiert und tätig: Meine Frau malt; meine Tochter besitzt eine Galerie; wir alle sind Bildersammler und Anhänger schöner Musik. Außerdem haben wir von jeher Freunde in völlig anderen Feldern als der Politik gehabt. Deshalb fiel der Umstieg auch nicht so schwer. Ich bin nicht in irgendwelche schwarzen Löcher gefallen und musste nie durch Macht glücklich werden, habe mich nie an Privilegien und Positionen geklammert.
Im Übrigen: Wir hier in Lübeck sind hanseatisch geprägt. Hanseaten erscheinen immer etwas weniger, als sie in Wirklichkeit sind. Und wenn man diesen hanseatischen Esprit hat, dann weiß man, dass zum Leben kein großer Aufwand benötigt wird. Man braucht keine Dienstwagen und das ganze Gefilde herum zum Glücklich-Sein; es geht auch und besser ohne.
VERS1: Was sagt denn der Hanseat in Ihnen zu den Begriffen Patriotismus und Heimat ?
ENGHOLM: Ich finde, dass man diese Begriffe gegenüber Nationalismus sehr gut abgrenzen kann. Ich hasse Nationalismus. Er endet immer im Über alles : Wir sind besser als andere. Wir können mehr als andere. Wir bestimmen über andere. In der Geschichte haben wir leidvoll erlebt, wozu das führt.
Demgegenüber ist Patriotismus, so wie ich das durch Eltern und Großeltern kennen gelernt habe, eine freundlich-biedere Liebe zu Herkunft und Heimat. Patriotismus heißt: Ich mag die Ecke, in der ich geboren bin, in der ich lebe, wo ich die Menschen kenne, wo ich mich zuhause fühle, wo ich eingebettet bin. Diese Art liegt mir sehr.
Heimat ist für mich so etwas wie ein freundlicher Ankerplatz, bei dem man nicht anderen demonstrieren muss, dass man das größere Schiff hat. Vielmehr freut man sich, dass man die Straßen erkennt und die Plätze, an denen man geknutscht hat. All das und mehr ist Heimat.
VERS1: Hat Heimat denn Zukunft?
ENGHOLM: Man braucht dieses Gehäuse auch und gerade in Zeiten der Globalisierung, in denen sich vieles überlappt und eine Menge Einerlei zustande kommt. Ich glaube, dass das Gefühl hierfür zunehmen wird in einer Zeit, in der sich alles grenzenfrei entwickelt immer schneller, immer gleicher wird. Sie können ja heute in Australien in einen großen Einkaufsladen gehen: Der sieht nicht anders aus als in Stockholm oder Hamburg.
Dieses Verbundenheitsgefühl zur Heimat brauchen die Menschen, und es hat nichts Aggressives an sich. Es richtet sich an uns und nicht gegen andere. Von daher finde ich es etwas Hochmodernes, das eine große Zukunft haben wird. Wir brauchen die Besonderheiten und Verschiedenheiten, und wir müssen sie pflegen. Dadurch wird die Welt erst so spannend, wie sie ist.
VERS1: Wo Sie gerade in die Zukunft sehen, Herr Engholm: Was sagen Sie denjenigen Menschen, die angesichts großer Probleme wie Massenarbeitslosigkeit und Krise der sozialen Sicherungssysteme, Terrorismus, Kriegsgefahr und Klimakatastrophe ihre Hoffnung einbüßen? Woraus schöpfen Sie persönlich Zuversicht und Optimismus?
Björn EngholmENGHOLM: Zum ersten: Ich glaube, dass die Mehrzahl der Menschen mehr oder minder vernunftbegabt sind. Es wird in der Zukunft sicherlich keine Revolution geben. Aber das Gefühl in den Köpfen für ein menschenwürdigeres Leben und auch für die Notwendigkeit von weniger Egoismus wächst erkennbar. Klar: Wer erfolgreich ist, darf sich viel nehmen aber nicht unverhältnismäßig viel, wie es heute der Fall ist. Es ist doch völlig absurd, wenn sich Unternehmensvertreter heute hinstellen und für eine Rendite von 25 statt 15 Prozent mal eben 11.000 Leute entlassen. Und: Auch die Würde von Menschen, die wenig besitzen und wenig darstellen im Beruf, muss viel stärker geachtet werden.
Keine Frage: Das ist ein langsamer Besinnungsprozess, der da meines Erachtens in Gang gekommen ist. In zehn Jahren wird er wohl nicht abgeschlossen sein. Doch ich bin davon überzeugt, dass wir eine Generation später eher bessere Zeiten haben werden als heute.
VERS1: Sie engagieren sich stark für eine Kirchengemeinde in Lübeck. Ist der Glaube ein wichtiges Element in Ihrem Leben?
ENGHOLM: Ein selbstverständlicher. Ich bin ein norddeutscher Lutheraner und die sind alle nicht so prall lebenslustig wie beispielsweise die bayerischen Katholiken. Aber wir orientieren uns an dem Evangelium des Matthäus. Sie können das mal durchlesen: In jedem vierten Satz steht eine Lebensregel. Und wenn man ein paar von denen berücksichtigt, lebt man ganz vernünftig, ja, man hat sogar den Inbegriff eines vernünftigen Lebens vor sich.
Für mich bedeutet das Christentum nicht, dass ich in mich kehre, sondern ich lerne sehr praktisch aus Schriften oder von dem, was mir Leute erzählen. Man muss aber auch Folgendes sehen: Europa ist als Kontinent gegründet auf Ästhetik, Vernunft und Glauben. Diese Dreier-Mischung macht diesen Kontinent so eigen- und einzigartig auch gegenüber anderen. Diese Elemente haben nach wie vor Gültigkeit. Man muss sie pflegen. Das hat mit unserer Identität zu tun. Und alles, was wir heute in öffentlichen Debatten über Werte bereden, ist immer zurückzuführen auf christliche Werte. Selbst ein eingesteifter Atheist redet über christliche Werte, wenn er Werte zum Thema macht. Ich finde es selbstverständlich, dass man die ethischen Regeln aus dem Christentum kennt und auch beherzigt. Aus anderen Bereichen werden mir ja keine ethischen Regeln vertraut gemacht: Die Wirtschaft beispielsweise schenkt mir bestimmt keine. Wo sollen sie sonst herkommen?
VERS1: Dazu gehört dann auch, dass man sich in der Kirche engagiert?
ENGHOLM: Ja, das sollte man nach Möglichkeit tun. Schließlich handelt es sich bei den Kirchen um im Großen und Ganzen uneigennützige Institutionen. Man mag über viele Unzulänglichkeiten diskutieren. Jedoch sind die Kirchen die einzigen, die den Auftrag haben, zeitlose Ethik verkünden. Das finde ich außerordentlich wertvoll zumal wir ja heute im Widerstreit mit anderen Religionen liegen. Wir alle brauchen ein Bewusstsein für die Notwendigkeit von Religion und den Dialog mit anderen Religionen. Dieser Dialog ist ohne Alternative und ich meine, dass er auch mit vielen Vertretern des Islam möglich ist. Den Weltfrieden wird es nur geben, wenn alle großen Religionen eingebunden werden können.
nach oben |
Artikel drucken