ARCHIV
CARTOONS
INTERVIEW
07.02.2008

Sind wir auch bereit, die zu lieben, die wir nicht mögen?

VERS 1-Interview mit Erzbischof Dr. Paul-Josef Cordes zur Enzyklika Deus Caritas Est

+ Rom - Die erste Enzyklika von Papst Benedikt XVI. mit dem Titel Deus Caritas Est  hat weltweit große Aufmerksamkeit gefunden. Dass sich das von Medien und Kritikern als katholischer Hardliner  gezeichnete Oberhaupt der katholischen Weltkirche ausgerechnet die Liebe als Thema auswählte, brachte so manch starres Weltbild durcheinander. VERS 1 sprach mit Erzbischof Dr. Paul-Josef Cordes, Leiter des päpstlichen Rates Cor Unum, über das brillante Dokument.



Unterscheidet sich diese Enzyklika von den Enzykliken seines Vorgängers?

Dr. Paul Josef Cordes: Die Themen, denen sich Papst Johannes Paul II. stellte, forderten gelegentlich Korrekturen von Irrtümern und Abgrenzungen etwa in der Pastoral oder in ethischen Fragen. Die erste Enzyklika Papst Benedikts XVI. stellt die Glaubenswahrheit Gott ist die Liebe  positiv, d. h. werbend und gewinnend dar. Der biblische Satz spricht für sich, wenn nur der Hörer ihn annimmt. Und die Resonanz auf den Text war weltweit enthusiastisch.

Hat sich an Form und Stil der Enzykliken durch den Papst etwas verändert, wie z. B. der Wegfall des Pluralis Majestaticus und was kann man daraus lesen?

Papst Paul VI. hatte schon zu Konzilszeiten die päpstliche Sänfte abgeschafft. Johannes Paul II. gab dann in seinen Lehrtexten den pluralis maiestaticus auf. Die erste Enzyklika des neuen Papstes verzichtet auf die Abweisung falscher Thesen. Immer klarer zeigt sich auch in der päpstlichen Form die Absage an allen Absolutismus. Das meint freilich nicht, der oberste Hirte hätte seine Letztverantwortung für die Kirche abgelegt.

Diese Enzyklika straft all jene Lügen, die bislang immer wieder die Auseinandersetzung mit der Kirche über das Thema Liebe und Sexualität geschürt haben. Hat die Kirche hier eine neue Auffassung gewonnen oder vermag es der Papst die Position der Kirche nur zeitgerecht zu vermitteln?

Vermittler von päpstlichen Botschaften lassen sich nicht selten leiten von der Volksweisheit, dass der den Schuh anzieht, dem er passt. In hochwichtigen und sehr nutzbringenden päpstlichen Dokumenten wird der eine Satz gefunden, der mit biblischer Eindeutigkeit das Sexualverhalten anspricht  und nur noch er wird zitiert und kritisch kommentiert. Vielleicht gibt der Papst diesmal trotz klarer Worte zur Ehe weniger Angriffsfläche.

Ist diese Enzyklika nicht ein historischer Beitrag zur Ökumene, der alle Konfessionen in dieser Thematik hinter dem Papst versammelt? Es scheint mir sehr wünschenswert, dass sich auch nichtkatholische Christen mit der Grundaussage der Enzyklika identifizieren, um dann mit dem päpstlichen Text den Schritt von der Orthodoxie zur Orthopraxis zu fördern, d. h. auf das unlösbare Band zwischen gepredigtem Glauben und ethischem Verhalten zu setzen. Theologisch gesprochen, ist ja der Imperativ des Handelns nur die zwingende Kehrseite vom Indikativ der göttlichen Heilszusage.

Warum hat der Papst diese Enzyklika veröffentlicht im Umfeld des Dicasteriums Cor Unum , das sie präsidieren?

Der zweite, eher praktische Teil des Lehrbriefs gibt einige Weisungen zur kirchlichen Liebestätigkeit: Das liebende Zueinander der drei göttlichen Personen als deren Ursprung; ihre Verankerung in der kirchlichen Sendung; ihr Unterschied zum staatlichen Entwicklungsdienst; ihre Abgrenzung zur Politik; ihre Strukturen und ihr spezifisches Profil. All das berührt den Geist caritativer Arbeit, auf den einzuwirken wir vom Papst bestellt sind.

Kümmert sich das Episkopat in Deutschland ausreichend um die Verbreitung und Unterstützung dieser Enzyklika?

Die erste Reaktion auf die Enzyklika war auch in Deutschland sehr positiv. Die Bischöfe haben anders reagiert als ich Ihrer Frage entnehmen muss. Ich bin sicher, dass die vielen kirchlichen Institutionen in einer vertiefenden Nacharbeit noch manche Schätze dieses wunderbaren Textes heben werden.

Was halten Sie für die Kernaussage dieser Enzyklika?

Die Sorge um den notleidenden Mitmenschen ist heute in aller Munde. Gott sei Dank! Aber sind wir bereit, auch die zu lieben, die wir nicht mögen; unter denen wir leiden? Die Enzyklika lehrt uns, dass Liebe auch jenseits unseres Gefühls gelingt, wenn wir sie uns von Gott geben lassen. Gott ist die Liebe : Er hat sie uns in seinem Sohn bewiesen, schenkt sie den Glaubenden immer neu und macht diese glücklich, wenn sie sie selbstlos weitergeben.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Eros und Caritas?

Gestützt auf die Begriffe der klassischen Antike versteht der Papst unter Eros die Besitz ergreifende, selbstsüchtige Liebe. Er sieht sie als naturgegeben und damit als positiv an, betont verständlicherweise freilich, dass sie der Läuterung und Reinigung bedarf. Caritas/Agape ist hingegen die Liebe, die sich ohne Eigeninteressen und Hintergedan-ken gibt.

Wurde in der westeuropäischen Kirche in den letzten Jahren nicht zuviel von Caritas gesprochen im Sinne einer sozialpolitischen Auffassung?

Der Begriff Caritas ist ähnlich wie der der Liebe viel gebraucht und oft missbraucht. Verantwortliche für das kirchliche Liebeswerk wollten ihn sogar schon anschaffen. Es ist gut, dass er durch das Lehrschreiben neue Konturen bekommen hat. Sein heilsgeschichtliches Gewicht ist unersetzlich.

Die Caritasarbeit der Kirche in Deutschland lebt in einem enormen Umfang von den finanziellen Zuwendungen aus Kirchensteuern und Zuschüssen des Staates. Wie steht es aber um das Fundament der Spiritualität der Caritas in Deutschland?

Beihilfen Dritter  etwa des Staates, notwendige Bürokratisierung, Säkularisierung des kirchlichen Lebens u. ä. schwächen notwendig die Spiritualität auch in den kirchlichen Hilfswerken. Dabei wäre es klug, wenn diese im großen Reigen humanitären Engagements ihr Spezifikum noch klarer lebten und zeigten. Doch nach der starken Resonanz der Enzyklika kann man gewiß auf neue Glaubensimpulse hoffen.

Was bedeutet die Enzyklika für den Entwurf der europäischen Verfassung angesichts des bislang fehlenden Gottesbezuges? Kann die Enzyklika einen Beitrag leisten zum Kampf der Kulturen angesichts der gewaltsamen Reaktionen aus dem Islam?

Die weltweiten Proteste islamischer Fanatiker, die sich nicht selten auf den beziehen, den wir Christen Gott nennen, machen den Unterschied der göttlichen Mitte zwischen beiden Religionen unübersehbar. Er wird noch evidenter durch die unerwartete Zeitgleichheit mit der Veröffentlichung der Enzyklika Gott ist die Liebe . Das französische Njet  und ideologische Scheuklappen sind hingegen weltfremd. Ich kann nur hoffen und beten, dass Europas Christen aufwachen; dass sie sich zum Vater Jesu Christi bekennen, der das Kleinod ihres kulturellen Erbes trägt; der allein ihnen Zukunft gibt.

Die Enzyklika wendet sich an die Menschen in der Kirche. Ist die Botschaft überhaupt ein Beitrag für die Gesellschaft, wenn wir an die zahlreichen gescheiterten Bezieh-ungen von Menschen und Familien denken?

Gott als Quelle der Liebe zu verkünden und zu lehren, wie aus seiner Liebe zu handeln ist, trägt immer zum Wohl aller bei, ja, ist fraglos der wichtigste Dienst, den man Menschen tun kann. Die Enzyklika ist eine große Chance, die sich im Maße gläubigen Hörens realisiert.

Welche Verbindlichkeit hat eine Enzyklika eigentlich für die Gläubigen? Ist dies nicht etwas anderes als ein Dogma?

Enzykliken nehmen generell keine Unfehlbarkeit für sich in Anspruch. Sie sollten allerdings auch nicht als unverbindliche Privatmeinung abgetan werden. Weil der oberste Hirte der Kirche sie vorlegt, sind sie besonders durch Jesu Wort gestützt: Wer euch hört, hört mich  (Lk 10,16). Auch in diesem Fall ist freilich der Glaube gefragt.

Die Enzyklika strahlt sehr viel menschliche Wärme des Papstes und Verständnis für die Sehnsüchte der Menschen aus. Wie passt das zu dem jahrzehntelang verbreiteten Bild über Josef Ratzinger als einem Mann der Härte und Unnachgiebigkeit?

Die Enzyklika straft wie all die Predigten und Ansprachen von Papst Benedikt alle die Lügen, die in der Vergangenheit über Joseph Ratzinger das Bild vom Panzerkardinal  verbreitet haben. Vorurteile zu pflegen hat ja oft den Zweck, dass wir uns jemanden vom Halse halten . Wie Sie wissen, wollen seit der Wahl Papst Benedikt XVI. die Pilgerströme in die ewige Stadt nicht enden. So hat der Papst die Gelegenheit unverfälscht seine wahre Natur zu zeigen  bei den Gottesdiensten, bei Konzerten und Kongressen, beim sonntäglichen Gebet vom Engel des Herrn  auf dem Petersplatz. Ganz offensichtlich haben sich ihre Zahlen, verglichen mit dem geliebten Johannes Paul II., noch vermehrt.
nach oben | Artikel drucken
 
 
 
 
Impressum | E-Mail: info@vers1.net
Copyright: vers1.net 2005-2008 | VERS 1 | Tel. 0 22 71 - 908-150 | Fax 0 22 71 - 908-155 | Domacker Str. 54 | 50127 Bergheim