08.02.2008
Ohne die traditionelle Familie keine Kinder

Von BIRGIT KELLE
Eine recht banale Weisheit hat das Statistische Bundesamt jetzt in Zahlen
gefasst: "Immer weniger Familien betreuen immer weniger Kinder". Natürlich,
wird so manch ein Leser sagen, denn wo keine Familien entstehen, dort kommen
auch keine Kinder zur Welt.
Der Aufschrei in Staat und Gesellschaft bleibt indes aus. Alarmiert zeigt sich auch niemand. Zu sehr haben wir uns offenbar schon an den Zustand gewöhnt. Die Beurteilung schwankt zwischen sachlich-fatalistischem Hinnehmen und als normal betrachtetem, gesellschaftlichem Wandel. Zwei Fragen stellen sich jedoch bei der genaueren Betrachtung der Statistik: Zum einen, wohin führt uns der Wandel unserer Gesellschaftsstruktur, zum anderen, mit welchen Faktoren ist er aufzuhalten?
Im Genauen besagen die Zahlen der größten Haushaltsumfrage Europas, dass im Vergleich zum Jahr 1996 die Anzahl der Familien mit Kindern in Deutschland um sieben Prozent oder anders ausgesprochen um 668 000 zurückgegangen ist. Immer weniger Kinder leben in immer weniger klassischen Familien. Insbesondere die traditionelle Familie, mit einem verheirateten Elternpaar, ist von dieser Entwicklung betroffen. Hier ist in den vergangenen zehn Jahren ein Rückgang von immerhin 16 Prozent zu verzeichnen. Gleichzeitig ist dies aber die Familienform, die statistisch gesehen die meisten Kinder hervorbringt. Im gleichen Zeitraum hat die Zahl der alternativen Familienformen, also nicht verheiratete Paare und Alleinerziehende, um 30 Prozent zugelegt.
Die eigentlich erstaunlichste Erkenntnis der Studie ist jedoch, dass von all diesen Entwicklungen fast nur der Osten Deutschlands betroffen ist. Im Westen nichts Neues sozusagen. Während in Baden-Württemberg noch 80 Prozent der Kinder in traditionellen Familien aufwachsen, sind es in Berlin nur noch gut die Hälfte und dieses Bild zieht sich durch den gesamten Osten Deutschlands. Durchschnittlich liegen die alten, westlichen Bundesländern bei einem Anteil von 77 Prozent an traditionellen Familien, die neuen, ostdeutschen Länder bei 57 Prozent, Tendenz weiter fallend.
Plakativ gesprochen kann man also sagen: Im Osten weniger Hochzeiten, mehr alternative Lebensformen, weniger Kinder. Im Westen: Mehr Hochzeiten, weniger alternative Lebensgemeinschaften, mehr Kinder.
Politisch unkorrekt könnte man die Kausalketten noch ein wenig erweitern: Im Osten wenig christliches Fundament, wenige konservative Strukturen, kaum lebenslange Partnerschaften, immer weniger Kinder - und all das trotz flächendeckender staatlicher Versorgung mit Ganztagskindergärten.
Im Westen gewachsene konservative Strukturen, christliche Tradition, traditionelle Ehe, mehr Kinder - und das obwohl flächendeckend staatliche Kindergartenplätze fehlen. Das steht so natürlich nicht im Bericht des Statistischen Bundesamtes, handelt es sich doch um eine reine Institution der Zahlen. Und so will es derzeit auch keiner in der Regierung faktisch richtig deuten - würde es doch alle Bemühungen dieser und auch der Vorgängerregierung um einen Anstieg der Geburtenzahlen in Deutschland ad absurdum führen. Weil diese Statistik Schwarz auf Weiß schreibt, was politisch nicht sein darf: Es ist nicht egal, wie die Menschen zusammen leben, jedenfalls dann nicht, wenn wir wollen, dass sie auch Kinder bekommen. Familie ist eben nicht überall dort, wo Kinder sind, sondern Kinder sind nur dort, wo auch Familie ist.
Kommen wir also zurück auf die zwei Fragen, wo führt diese Entwicklung hin und wie kann man sie aufhalten?
Wohin es führt, wird gerade im Osten eindrucksvoll vorgelebt. Rückgang der Familienstrukturen, Rückgang der Geburtenzahlen, Überalterung der Gesellschaft, Zunahme der Scheidungen und Zunahme der alternativen, zeitlich begrenzten Partnerschaften. Dem können wir natürlich zusehen und warten, bis sich bei der nächsten Statistik in zehn Jahren die Zahl der Familien weiter reduziert hat und wir also in ein paar Jahrzehnten komplett kinderlos sind. Das erinnert ein bisschen an so manche Kirchenstatistik über die Zahl ihrer Gottesdienstbesucher. Sehenden Auges in den Abgrund laufen.
Oder wir respektieren die Faktoren, man könnte böswillig sogar sagen: Wir verschließen uns auch auf staatlicher Seite nicht länger den offensichtlichen Faktoren. Denn die Antwort auf die demographische Krise steht auch in der gleichen Statistik: Die traditionelle Familie stärken, dann gibt es auch wieder mehr Kinder.
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