Seite drucken


VERS1 Zeitschrift für Christen :: www.vers1.net



01.12.2007

Man könnte das Geld auch den Müttern geben

Von Jürgen Liminski

Nun will man also den tatsächlichen Bedarf an Krippenplätzen ermitteln. Wie das? Hatte man da keine konkrete Vorstellung? Hat Frau von der Leyen einfach mal so die Idee in die Welt gesetzt, eine halbe Million Krippenplätze zu schaffen?



Das ist kaum anzunehmen, denn das würde bedeuten, dass sie andere Faktoren außer acht lässt und in gewissem Sinn fahrlässig mit den wirklichen Bedürfnissen der Kleinsten umgeht. Oder aber sie schafft bewusst und aus anderen Gründen Strukturen, denen sich die Mütter und Kinder anzupassen hätten und das wäre dann fast ein Beweis für die Ideologieträchtigkeit ihrer Vorhaben. Wie sieht nun der wirkliche Bedarf aus? Es ist natürlich nicht möglich, ihn mathematisch genau zu errechnen. Zwar ist die Demographie sehr treffsicher in ihren Prognosen, aber Schwankungen sind möglich, gerade bei einem so unsicher und von Emotionen abhängigen Volk wie den Deutschen. Vor allem aber lässt sich heute nicht abschätzen, wie viel Eltern in sechs Jahren ihr Kind in die Krippe geben wollen. Entweder man zwingt sie dazu, indem man ihnen die wirtschaftliche Basis für die Option Zuhause entzieht, also die Wahlfreiheit einschränkt und so einen Bedarf schafft, den es bei wirklicher Wahlfreiheit nicht gäbe, oder man geht von aktuellen Umfragen aus über den Wunsch der Frauen, ihr Kind selber zu erziehen oder es in die Fremdbetreuung zu geben.

Demographie und Wunsch der Mütter sind also die Kriterien. Mit 750.000 Plätzen läge man 2013 bei einer Quote organisierter Ganztagsbetreuung von 35 Prozent. Im vergangenen Jahr wurden jedoch vermutlich weniger als 700.000 Kinder geboren (die offiziellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes liegen noch nicht vor) aber schon 2005 lag die Zahl deutlich unter 700.000. Angesichts der schwindenden Anzahl geburtsfähiger Frauen wird die Zahl selbst bei einer anhaltenden Geburtenquote von 1,36 noch weiter sinken, die Demographen errechnen ein Absinken unter 600.000 bis Mitte des nächsten Jahrzehnts. Wir hätten also schon 2013 nur knapp 1,9 Millionen Kinder unter drei Jahren. Wenn ein Jahrgang das Elterngeld in Anspruch nimmt, wovon man ausgehen kann, kommen theoretisch 1,2 Millionen Kinder für Krippen infrage, das wäre dann bei 750.000 Krippenplätzen schon eine organisierte Betreuungsquote von rund 65 Prozent. Aber soviel Frauen wollen die Kinder gar nicht in die Fremdbetreuung geben, im Gegenteil, wenn sie könnten würden, so haben frühere und aktuelle Umfragen übereinstimmend ergeben, sogar mehr als zwei Drittel ihre Kinder selber erziehen. Könnten die Mütter frei entscheiden, bräuchte man maximal nur 600.000 Krippenplätze.

Sollen mit der neuen Struktur auch Realitäten und Bedürfnisse geschaffen werden? Denn man könnte ja auch das Geld dafür den Müttern selbst geben, also das Elterngeld verlängern oder überhaupt die Betreuungsstruktur individueller gestalten. So machen es die Finnen, die Franzosen und neuerdings auch die Schweden. Sie zahlen den Müttern Geld, wenn sie selbst betreuen. Das ist nicht nur viel billiger, es ist auch viel besser für das Kind - und schafft wirkliche Wahlfreiheit. Aber offenbar geht es weniger um die Wahlfreiheit noch um die Qualität der Betreuung, sondern darum, die Frauen wieder in die Betriebe zu bringen. Also doch Ideologie und Hintergedanken. Denn wenn es echte Wahlfreiheit gäbe, würde man mit 300.000 zusätzlichen Krippenplätzen hundert Prozent des wahrscheinlichen Bedarfs decken. Der wirkliche Bedarf liegt woanders: Bei der Wirtschaft, die alle jungen gut ausgebildeten Frauen braucht, denn der Fachkräftemangel ist schon heute spürbar - und vielleicht spüren einige Politiker und Politikerinnen auch den persönlichen Bedarf, den Deutschen ein bestimmtes Lebensmodell aufzudrängen.

Seite drucken