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VERS1 Zeitschrift für Christen :: www.vers1.net



01.12.2007

Wo Frau von der Leyen irrt

von Birgit Kelle

Familienministerin Ursula von der Leyen will in den kommenden Jahren mindestens 500-tausend neue Krippenplätze für Kinder unter drei Jahren schaffen und dafür viel Geld investieren. Dagegen kann man auf den ersten Blick erst einmal kaum etwas haben.



Ganz offensichtlich gibt es einen steigenden Bedarf an Krippenplätzen in Deutschland. Wo die Zahl nun genau liegt, ob bei 100-, 200- oder 500-tausend, ist allerdings schon genug Zündstoff für eine Debatte, wie sie Deutschland lange nicht gesehen hat.

Ich habe Respekt vor jeder Mutter und jedem Vater, gerade auch den Alleinerziehenden, die Tag täglich mit harter Arbeit ihre Familien ernähren und dennoch meist am Existenzminimum leben müssen. Ich habe Respekt gerade vor all den jungen Müttern, die sich trotz ungünstiger Umstände und ablehnendem Umfeld für ihr vielleicht ungeplantes Kind entscheiden und nicht selten nur mit großen Schwierigkeiten über die Runden kommen. Für all diese Familien ist die Frage, ob sie ihr Kind lieber selbst betreuen oder möglichst schon nach einem Jahr in den Hort bringen oft nur eine Luxusdebatte. Ihnen bleibt meist nichts anderes übrig, weil das Geld Hinten und Vorne nicht reicht. Doch nicht nur Alleinerziehende, auch Familien mit Mutter und Vater stehen immer häufiger vor dem Problem, dass ein Einkommen nicht reicht und beide arbeiten müssen, um die Familie zu ernähren.

Unser Familienministerium findet das großartig. Mehr Frauen ins Erwerbsleben lautet die Devise. Frauen wollen arbeiten, Frauen sollen arbeiten, Frauen sind glücklich, wenn sie arbeiten dürfen und endlich gleichberechtigt am Arbeitsleben teilnehmen können. Dies soll gefördert werden. Ich habe auch nicht vor, die Debatte über angebliche "Rabenmütter" neu zu entfachen. Was mich jedoch zunehmend stört, ist die anscheinend einzige glücklich machende Vision, die sich nicht nur in den Köpfen unserer Politiker sondern auch in den Äußerungen und Schriftstücken aus dem Familienministerium festsetzen. Demnach ist es größtes Ziel der emanzipierten Frau, eine möglichst frühzeitige Betreuung der Kinder, idealer Weise ab dem ersten Lebensjahr, anzustreben, um endlich im Beruf weiter machen zu können. Den Kleinen in die Kita, die Großen in die Ganztagsschule und abends trifft man sich zum gemeinsamen Nachtmahl. Alle sind glücklich. Licht aus, Schlafenszeit.

Natürlich will uns niemand in eine Richtung drängen. Auch Frau von der Leyen nicht. Jede Familie soll selbst entscheiden können, wie sie ihr Leben gestaltet, betont sie unermüdlich. Niemand werde gezwungen, seine Kinder in den Hort zu geben. Wahlfreiheit ist zum beliebten Wort geworden. Doch haben die Familien wirklich die Wahl?

Wahlfreiheit bedeutet doch, dass es gleichberechtigte Modelle gibt und der Staat keines bevorzugt behandelt, denn er mischt sich ja nicht ein in die Lebensplanung seiner Bürger. Doch wie weit ist denn die Wahlfreiheit gediegen, wenn der Staat mir anbietet, die Betreuung meiner Kinder zu finanzieren, aber bitteschön nur dann, wenn es in einer staatlichen Einrichtung geschieht. Ist denn die Erziehungsarbeit einer Mutter weniger wert als die einer Kindergärtnerin? Das Land NRW zahlt nach Auskunft des Familienministeriums für jeden einzelnen Krippenplatz für Kinder unter drei Jahren 16-tausend Euro. Für die Mutter, die sagt, ich erziehe aber lieber selbst zu Hause, keinen Cent. Ist das Wahlfreiheit? Für die meisten ist es dann wie oben beschrieben eben doch keine Wahl. Das Kind muss in die Krippe weil es anders nicht geht und Mutter oder Vater arbeiten. Dies ist eine ganz klare Bevorzugung außerhäuslicher Erziehung der Kinder. Echte Wahlfreiheit würde bedeuten, dass der Staat den Betrag X für jedes Kind und dessen Betreuung unter drei zur Verfügung stellt. Kommt das Kind in die Krippe, fließt das Geld dorthin. Erziehen und betreuen die Eltern selbst, fließt das Geld an die Eltern. Eigentlich einfach und in manchen Ländern auch umgesetzt. Warum also nicht in Deutschland?

Und dann wird es eben doch ideologisch. Es geht eben doch darum, bestimmte Familienmuster, bestimmte Familienstrukturen zu fördern, oder eben auch nicht. Das Bundesfrauenministerium feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass ist nun eine Broschüre erschienen, die die Entwicklung der politischen Arbeit für Frauen aufzeigt und ihre Meilensteine auflistet. Ich habe es aufmerksam gelesen und ich vermisse etwas: Die Würdigung dessen, was Frauen Tag täglich zu Hause leisten. Die Würdigung derjenigen Frauen, die sich ganz bewusst dafür entscheiden, keine Karriere zu machen, und sich stattdessen um die Kinder kümmern. Und das nicht nur ein oder drei Jahre, sondern vielleicht auch 18 Jahre oder ein Leben lang.

Stattdessen springt mir folgender Satz ins Auge: "Verstärkt wird das Ministerium zukünftig auf das Aufbrechen überkommender Rollenklischees hinarbeiten, die Frauen und Männer daran hindern, so zu leben, wie sie es sich wünschen". Ja lebe ich denn in einem Klischee? Nur weil ich als Frau kein Problem damit habe, dass mein Mann die Familie ernährt und ich mich um den Haushalt und die Kinder kümmere? Ich habe selbst drei Kinder. Ich war 24 als ich das erste mal schwanger war und hatte gerade meine erste Arbeitsstelle angetreten. Ich musste mich, bezeichnender Weise gerade bei den Kolleginnen - kinderlos, Mitte 30 - nahezu dafür entschuldigen, dass ich erst mal drei Jahre Erziehungsurlaub nehmen und mich dann neu entscheiden, wie es weiter geht. "Das muss doch heute nicht mehr sein. Man kann das Kind doch nach einem halben Jahr in den Hort geben", prallte es mir entgegen. Und wenn ich es aber anders will? Wenn ich mich freiwillig in die finanzielle Abhängigkeit einer Einverdiener-Ehe begebe und dort glücklich bin, lebe ich dann in einem Klischee? Es darf in Deutschland nicht dazu kommen, dass junge Frauen glauben, nur im Erwerbsleben ihr Glück finden zu können. Dass sie glauben, eine zu lange Babypause würde ihren Lebenslauf ruinieren. Ich habe nicht das Gefühl, dass die übermüdeten Kassiererinnen im örtlichen Supermarkt ihren Job als emanzipatorische Glanzleistung begreifen. Sie tun es aus purer Notwendigkeit und weil der Staat Familien mit Kindern eben nicht genug unterstützt.

Es stört mich, dass gerade die Frauenpolitik, die ja inzwischen Gleichstellungspolitik heißt, nur noch die erwerbstätige Frau im Blick hat. Frauen die zu Hause bleiben, sind eine höchst unterschätzte, missachtete und letztendlich ausgebeutete Lebensform. Ohne Frauen, die nicht berufstätig sind, kein Ehrenamt, keine Lesemütter in der Schule, kein häusliche Pflege, keine Hausaufgabenbetreuung, keine Tränentrockner, keine Elternabende, keine Kirchenarbeit, keine Nachbarschaftshilfe, kein Bügelservice, kein warmes Essen auf dem Tisch, keine Erziehung der Kinder und kurz: keine Zeit mehr für alles, was unsere Gesellschaft dringend braucht, aber meist nicht bereit ist zu bezahlen. Dafür aber gerne bereit ist zu belächeln. Frau von der Leyen irrt, wenn sie glaubt, all diese Frauen sind unglücklich, weil sie vielleicht nicht in ihrem erlernten Beruf arbeiten, sondern stattdessen zu Hause. Sie arbeiten ja trotzdem, sie werden nur nicht dafür bezahlt. Wir brauchen also nicht nur Krippenplätze, sondern echte Wahlfreiheit für Familien. Echte Anerkennung dessen, was zu Hause an Erziehungsarbeit geleistet wird. Und echt ist eben in der Realität nur das, was auch finanziell honoriert wird.

Das Erziehungsgeld ist kein Schritt in die falsche Richtung, aber es ist zu wenig. Es ist nicht für alle. Warum bekommt die Studentin 300 Euro und die Akademikerin bis zu 1800 Euro monatlich für das Gleiche: Die Erziehung ihres Kindes. Der Wert der Erziehung bemisst sich nicht am gewohnten Lebensstandard oder dem Grad der Ausbildung einer Frau. Es gibt großartige Mütter ohne Ausbildung und auch totales mütterliches Versagen bei Akademikerinnen. Also lasst uns doch alle gleich behandeln, so wie es auch im Grundgesetz steht und einfach jeder Mutter und sehr gerne auch jedem Vater, der Erziehungsarbeit leistet, ein Gehalt dafür zahlen.

Und dann berechnen wir den Bedarf an Krippenplätzen noch mal neu.

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