07.02.2008
Mittel für christliches Projekt Arche gekappt
+ Berlin - Dass der Bote für die überbrachte Nachricht getötet wird, ist eine überlieferte Unart antiker Tyrannen. Wenn aber einer Suppenküche für arme Kinder die Zuschüsse gestrichen werden, weil durch ihre Existenz die Armut sichtbar werde, ist das die Logik einer unheiligen Allianz aus Liberalen und Kommunisten im heutigen Berlin. Das christliche Projekt Arche kämpft in Berlin gegen die Armut und gegen Vorwürfe, man missioniere die Kinder über den Magen .
von ANDREAS SCHNEIDER
Dass der Bote für die überbrachte Nachricht getötet wird, ist eine überlieferte Unart antiker Tyrannen. Wenn aber einer Suppenküche für arme Kinder die Zuschüsse gestrichen werden, weil durch ihre Existenz die Armut sichtbar werde, ist das die Logik einer unheiligen Allianz aus Liberalen und Kommunisten im heutigen Berlin.
Vordergründig hatte im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf eine gelb-dunkelrote Zweckkoalition die Kürzung von 38.000 auf 18.000 Euro pro Jahr vorgenommen, weil durch die bundesweite Aufmerksamkeit für das christliche Projekt Arche Hellersdorf angeblich erst einmal genug Spenden eingegangen seien. Der FDP-Bezirksvorsitzende Sebastian Czaja nannte gegenüber dem Tagesspiegel ganz andere Beweggründe: Die Arche schade dem Image des Bezirks. Alle Welt müsse glauben, dass in Hellersdorf Kinder hungerten, wenn ständig etwas über die Suppenküche Siggelkows in der Zeitung stehe. Ein Vertreter der Linkspartei warf Siggelkow sogar vor, er missioniere die Kinder über den Magen und käme ihnen zu nahe.
Bernd SiggelkowBernd Siggelkow, freikirchlicher Pastor, war vor zehn Jahren mit seiner Familie aus Hamburg nach Berlin gezogen, um hier gegen die Armut zu kämpfen. Dafür war er mit dem Verdienstorden des Landes Berlin ausgezeichnet worden und sein Projekt erhielt die Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte. Bürgermeister Wowereit hatte noch wenige Tage vor der Mittelkürzung nur lobende Worte für das christliche Hilfsprojekt übrig. Nach dem Beschluss der Bezirksvertretung schickte er noch seinen Sprecher Günter Kolodziej an die Mikrofone. Die Kürzung sei bedauerlich , aber der Regierende Bürgermeister könne nicht in die Bezirke hineinregieren.
Die Arche , das ist eine ehemalige Grundschule, die Bernd Siggelkow größtenteils in Eigenleistung renovierte und nun als zentrale Anlaufstelle für die Hellersdorfer Kinder und Jugendlichen betreibt. Hier finden die jungen Menschen das, was sie zu Hause häufig nicht mehr bekommen: ein warmes Mittagessen; jemanden, der ihnen zuhört: Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfeunterricht; manchmal auch Kleidung. Darüber hinaus Musikunterricht, Theaterkurse und Spiele, aber auch Seelsorge, Bibel und Kirchenlieder. Bis zu 300 Kinder kommen inzwischen regelmäßig, manche nehmen Essensreste für ihre Eltern mit. In den vergangenen Jahren ist bereits der Großteil der öffentlichen Mittel gestrichen worden, sodass sich die Arche mit ihren 30 Mitarbeitern - darunter eine Sozialpädagogin, Köche, Praktikanten - heute zu 90% durch Spenden finanzieren muss.
SuppenkücheAngefangen hat Siggelkow, der früher als Soldat der Heilsarmee auf dem Hamburger Kiez Seelen rettete, 1995 in Hellersdorf mit einer Kirche, die sich mit den Menschen und deren Bedürfnissen beschäftigt, die nicht in die normale Kirche gehen . Das sei zu Anfang natürlich nicht so einfach gewesen, da viele Menschen, die hier leben, Atheisten sind . Zwei Jahre später kamen Kinderprogramme hinzu. Siggelkow: Wir wussten, dass viele Kinder hier nicht herkommen durften, dann aber doch vor der Tür standen. Die Entwicklung führte dazu, dass aus der Arche eine sozialpädagogische Freizeiteinrichtung wurde. Viele der Kinder kamen aus kaputten Familien , kannten ihren Vater nicht, nannten die männlichen Mitarbeiter schnell Papa , litten darunter, den ganzen Tag keinen Ansprechpartner zu haben. Viele der Kinder kamen immer hungrig zum Spielen. Eine befreundete Einrichtung ermittelte, dass die Kinder Mangelernährung aufwiesen. Sie gingen morgens ohne Frühstück in die Schule und kamen ohne Mittagessen wieder zum Spielen auf die Straße. Eine Fragebogenaktion an lokalen Schulen zeigte, dass ein Teil der Schüler nur ein- bis zweimal in der Woche ein warmes Mittagessen bekam. Dies war der Auslöser, warum Pastor Siggelkow 2001 die Kidsküche startete, die bis heute neben der Stillung von existenziellen Bedürfnissen der Kinder ihre Aufgabe auch in der Linderung der zeitlichen Armut sieht, die der Leiter des Projekts als das größte Armutsproblem ansieht. Eltern, Lehrer, Betreuer hätten heute kaum noch Zeit, die Kinder hätten keine Ansprechpartner mehr, die Folge seien große Defizite und aggressives Verhalten .
Inzwischen hat die Hellersdorfer Linkspartei/PDS auf Druck der PDS-Landesspitze ihren Beschluss revidiert.
Die Arche im Internet:
» www.kinderprojekt-arche.de
nach oben |
Artikel drucken