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DEUTSCHLAND
07.02.2008

Mein Zuhause ist das Kloster

Anja Rademacher ist jung, lebhaft, klug und England-Fan. 2001 stehen der Berlinerin nach ihrer Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation alle Türen des Lebens weit offen. Sie entscheidet sich jedoch für ein Dasein hinter dicken Klostermauern. Dort ist sie Schwester Anna - und überglücklich.



Als könnte sie die Frage auf der Reporterstirn lesen, sprudelt sie lachend los: "Was eine junge Frau im Kloster macht? Na dasselbe wie alle 14 Frauen hier: beten und sich wohl fühlen!" So einfach ist das für die 27jährige Ordensschwester. Ihr Weg nach Ostritz, ins älteste Frauenkloster des Zisterzienserordens in Deutschland, war es nicht, denn Gott rief Schwester Anna über Umwege zu sich.

"Ich bin ein typisches DDR-Kind", schmunzelt sie. "Nicht getauft, religionslos, Kinderkrippe, Kita, Jungpionier. Kurz nach meinem 10. Geburtstag fiel die Mauer. Als ich Abi machen wollte, funkte ´etwas´ dazwischen. Offenbar stellte sich die Weiche in Richtung Heute. Denn ich hatte permanent das Gefühl, gehetzt zu sein, nicht verarbeiten zu können, was ich da den ganzen Tag sah, hörte und erlebte. Für mich blieb viel zu wenig Zeit. Ich nahm mir meine Freiräume, glänzte in der 9. und 10. Klasse mehr mit Abwesenheit als mit guten Leistungen." In der 11. schmeißt Anja das Gymnasium. Einen Beruf, der ihr Spaß machen würde, findet sie zunächst nicht. So hat sie viel Leerlauf, ist tagelang mit sich und den Dingen allein, die sie interessieren. "Ich fühlte mich erstaunlich gut damit. Nur eins war neu: wenn ich im Fernsehen etwas über Kirche, Papst, Bischöfe oder Rituale katholischen Glaubens sah, ergriff mich eine unbeschreibliche Faszination. Ich kann komischerweise nicht erklären, was genau mich so beeindruckte. Heute weiß ich: Gott hatte mich da schon gefunden." Die junge Frau Gott aber noch nicht. Sondern erst einmal eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation. Da war sie 20 und fand, jetzt müsse sie auch das tun: "Ich hatte einem katholischen Pfarrer in der Nähe einen Brief geschrieben: ´Ich weiß nicht, was Katholizismus ist, aber ich glaube daran. Was kann ich tun?´ Der Pastor lud mich tatsächlich ein! Nach dreistündigem Gespräch mit der Gemeindereferentin wollte ich mich vom Fleck weg taufen lassen, weil mir klar geworden war, ich gehöre dazu!" Damit musste Anja jedoch warten bis zum 15. April 2001. Bis dahin ging sie neben ihrer Lehre zum Religionsunterricht. Mit Abiturienten, die sich 2000 und 2002 in Ostritz auf ihre Firmung vorbereiteten. Anja durfte mit. "Gebannt lauschte ich, wenn unsere Gastschwestern aus ihrem Nonnen-Leben erzählten. Mich faszinierte, wie viel Zeit, Gelegenheit und Ruhe sie für ihre Gebete, aber auch für sich selbst und ihre Gedanken haben. Wie konsequent ihr Tagesablauf nach den sieben Gebets-Zeiten ausgerichtet ist, wie sie aber auch die Außenwelt immer wieder zu sich lassen: bei Klostermärkten oder wenn besonders Gestressten hier Tage der Einkehr gestattet werden. Ich war ziemlich verblüfft, wie viel Disziplin so ein Leben im Kloster erfordert. Zu Hause konnte ich vor lauter Alltags-Pflichten Gott gar nicht so regelmäßig in den Ohren liegen, wie ich wollte. Für die Nonnen war das wichtigster Lebensinhalt. Das gefiel mir alles außerordentlich."

Im März 2003 kommt sie wieder: zum Praktikum während ihrer Fortbildung im Hotelgewerbe. "Schwester Elisabeth, die Cellerarin des Stifts, brauchte mich als Assistentin. So erlebte ich den Kloster-Alltag hautnah. Bei einer Tagung verschiedener Klöster schrieb ich Protokoll, während einer Führung durfte ich sogar in den sonst streng gehüteten Privatbereich der Schwestern, in die Klausur. Deutlicher konnte Gottes Zeichen nicht sein. Nach nur drei Wochen wusste ich: hier gehöre ich her. Denn Klosterschwester zu sein, bedeutete nicht nur braves, mausgraues und stilles Dasein, wie ich es aus vielen Filmen kannte. Schwester Elisabeth war das beste Beispiel dafür, dass Nonnen ihren Charakter nicht ändern oder jemand anders werden müssen." Schwester Consilia (73) stellt ihr die entscheidende Frage: "Sie wollte wissen, ob ich meine Grundeinstellung genauestens geprüft hätte. Wenn ich ganz tief drin bis zum Ende meiner Tage für Gott und damit betend für alle Menschen auf der Welt da sein wollte, wäre ich bereit. Bei dieser Vorstellung hüpfte mein Herz. Genauso glücklich müssen sich Bräute beim Ja-Wort fühlen." Anja beginnt ihr neues Leben. "Im August 2004 zog ich in meine 24 m² große Zelle in der Klausur. Zur Einkleidung als Novizin im Oktober 2005 erhielt ich auch meinen Wunschnamen Anna. Ein Jahr lang hätte ich jederzeit meine Entscheidung revidieren und wieder nach Hause fahren können. Doch mit jedem neuen Tag fühlte ich mich wohler hier. Die Schwestern und ihr umfangreiches Wissen, unser schlichtes und dennoch erfülltes Leben ohne unwichtigen Ballast, das Schweigen zum Sammeln für die Gebete, die wunderbare Bibliothek, unser Kräutergarten, meine Handarbeiten und die täglichen Versorgungsaufgaben gaben mir ganz tiefen Frieden." So legte sie im Oktober 2006 die Einfache Profess ab, band sich für weitere drei Jahre. "2009 werde ich die Ewigen Gelübde ablegen." Kein Zweifeln? "Nein. Ich habe lediglich manchmal Respekt vor der langen Zeit, die ich hier sein werde. Und gelegentlich vermisse ich Kino. Aber sonst habe ich alles, was ich zum Glücklichsein brauche."

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